Wanderlied

Wohlauf, die Luft geht frisch und rein

 

von Joseph Victor von Scheffel



aus dem Gedichtband :
Joseph Victor Scheffel - Gaudeamus!, 1868 — 1. Auflage, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, Stuttgart


Wanderlied
 

Wanderlied

Gedicht (PDF)

Wohlauf, die Luft geht frisch und rein.
Wer lange sitzt, muß rosten;
den allersonnigsten Sonnenschein
läßt uns der Himmel kosten.
Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid
der fahrenden Scholaren,
ich will zu guter Sommerzeit
ins Land der Franken fahren!

Der Wald steht grün, die Jagd geht gut,
schwer ist das Korn geraten;
sie können auf des Maines Flut
die Schiffe kaum verladen.
Bald hebt sich auch das Herbsten an,
die Kelter harrt des Weines;
der Winzer Schutzherr Kilian
beschert uns etwas Feines.

Wallfahrer ziehen durch das Tal
mit fliegenden Standarten,
hell grüßt ihr doppelter Choral
den weiten Gottesgarten.
Wie gerne wär’ ich mitgewallt,
ihr Pfarr’ wollt mich nicht haben!
So muß ich seitwärts durch den Wald
als räudig Schäflein traben.

Zum heiligen Veit von Staffelstein
komm ich emporgestiegen,
und seh die Lande um den Main
zu meinen Füßen liegen:
Von Bamberg bis zum Grabfeldgau
umrahmen Berg und Hügel
die breite, stromdurchglänzte Au —
ich wollt', mir wüchsen Flügel.

Einsiedelmann ist nicht zu Haus,
dieweil es Zeit zu mähen;
ich seh ihn an der Halde draus
bei einer Schnittrin stehen.
Verfahr'ner Schüler Stoßgebet
heißt: Herr, gib uns zu trinken!
Doch wer bei schöner Schnitt'rin steht,
dem mag man lange winken.

Einsiedel, das war mißgethan,
daß du dich hub'st von hinnen!
Es liegt, ich seh's dem Keller an,
ein guter Jahrgang drinnen.
Hoiho! die Pforten brech' ich ein
und trinke was ich finde ...
Du heiliger Veit von Staffelstein
verzeih mir Durst und Sünde!


Worte : 1859
Joseph Victor von Scheffel (c) dessen Rechtsnachfolger


In den Bünden wird zu »Wanderlied« die Vertonung von Valentin Eduard Becker (1861) gesungen.

nach oben

(c) 2009-2021 - Alle Rechte vorbehalten
Jürgen Sesselmann (mayer)
Zur Nutzung meiner Lieder und Geschichten