Reiterlied

Jetzunder sind die Zeiten schwer, das Träumen hat ein End'

 

von Joseph Victor von Scheffel




Das Gedicht stammt aus der Kunst- und Satirezeitung :
Joseph Victor Scheffel - Fliegende Blätter 150 - Sammelband 7 (145-168), Redaktion - Caspar Braun und Friedrich Schneider, 1848 — Verlag von Braun & Schneider, München



Reiterlied

Reiterlied

Gedicht (PDF)

Jetzunder sind die Zeiten schwer,
das Träumen hat ein End,
manch Biedermann erbanget sehr
daß sich sein Glück gewend't.

Und so ich hätt' eine Million,
könnt ich mich auch nicht freu'n;
und so ich trüg' eine Fürstenkron,
so schmeckt mit jetzt kein Wein.

Doch einem gut Gesellen wird
das Leben erst was werth;
zum Streiten er sich jetzt umgürrt',
nimmt von der Wand sein Schwert.

Bald ist die Zeit gekommen an
zu reiten ins Gefecht;
und gilt es, wacker drauf zu schla'n,
so freut er sich erst recht.

Drum bringe mir, du schöne Maid,
noch kühlen Weins eine Kann',
ich will noch trinken alle Zeit,
so lang ich trinken kann.

Denn so ich sollt erschossen sein,
so bin ich halt fertig und todt,
dann trink ich nimmer den kühlen Wein,
dann küß' ich kein Mündlein roth.

Und auf die himmliche Seligkeit
hab ich kein recht Fiduz, *)
drum gib mir schnell, du braune Maid,
zum Wein noch ein' saft'gen Kuß.

Viel lieber zu sein ein Reitersmann
und jung zu sterben im G'fecht,
als achzig Jahr, und ewig sodann
ein buckliger Schreibersknecht!


Worte : 1847/48
Joseph Victor von Scheffel (c) dessen Rechtsnachfolger

*) Fiduz - aus dem Lateinischen für Vertrauen


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