Das trunkene Stillesein (1944)

von Hans Leip


Gedichte - Elf Kadenzen

"Das Gedicht" Blätter für die Dichtung
10. Jahrgang 10. Folge Juli 1944


Das trunkene Stillesein - 1944, 1. Auflage

(c) Hans Leip


Anmerkungen über die Form der Kadenz

Große gute Lüfte und Fernsichten, fernab der Küsten, die mich sonst angereizt! Mir war Wandlung zumute, und ich hätte ein Waldbruder sein mögen, lebte zumeist auch einfach und einsam in einer dürftigen Hütte auf dem Föhrenfels oberhalb der Süßenmühle.
Lange schon hatte ich keine Verse mehr geschrieben, lange war es her, daß wir die kleinen Lieder gesungen, die damals Ausdruck waren der schwermütigen und ausgelassenen Besonderheiten meines Daseins. Die Anspannung der fortschreitenden Jahre war der Entstehung von Gedichten nicht hold gewesen. Nun aber, zwischen den begnadeten stilleren Ufern des Bodensees löste sich mählich die Unruhe, und das groß und viel Gewollte trat zurück. Eine lauschende Besinnlichkeit, die geduldig gewartet hatte, fand Raum und vernahm verwundert die alten Quellen in der Tiefe, das frühe Gesäusel und brandende Rauschen der Verse, und fand es geläutert gesammelt und führte es sachte hin in ein gebändigtes Gefälle, damit es Kraft habe, dem inneren Gut die gereifte Gewalt zu geben.
Zu seiner Prägung genügte keine der hergebrachten Arten, und so schuf es sich, ohne einer langen Überlegung zu bedürfen, einen neuen Sschnitt und Stempel, und ich nannte es dem gebändigten Gefälle zuliebe Kadenz. Kadenz auch in Verneigung vor der Musik, deren Abglanz allem Verse zugeleuchtet ist in urtümlicher Verbundenheit.
Die Kadenz ist eine Gedichtform, wie auch das Sonett eine ist, wie das Sonett sich vorzüglich eignet, abgeklärte Gedanken, Stimmungen und Bilder breit und Feierlich auf eherner Tafel zu vereinigen, so erwies sich mir die Kadenz günstig für schwer faßliche schwebende Empfindungen und Gesichte. Denn ihre Form ist biegsam wie eine Pappel im Wind und, wie eine Kadenz der Musik, schmiegbar und innerhalb des Gesetzes freizügig und ungebunden und dennoch folgerichtig und genau dem Fortgang oder Abschluß der darüber waltenden Eingebung einzupassen.
Schon äußerlich gleicht sie anderen Gedichten nicht und sieht aus wie ein Fittich, wie das Gewand einer Tanzenden, wie der Kamm einer Brandung oder wie eine auswehende Flagge, die den Sturm bestanden hat. Ihre neun Reimpaare vermögen sich innerhalb der achtzehn Zeilen zwanglos zu trennen und zu verstreuenm und die Länge der Zeilen ergibt sich, zugleich mit dem Sinn, aus dem Reim, so daß manchmal ein einziges Wort hinreicht, eine Zeile zu bilden, für das sich das Reimgeschwister irgendwo in dem Gefüge als zeilenendwort anfindet. Ein Gefüge aber in der Aufteilung von nacheinander fünf, vier, vier und wiederum fünf Zeilen schien allen Anspruch auf eine schlichte oder reiche Gestaltung freundlich entgegenzukommen. Und wenn auch ein Zusammenhang mit den Stufen und Auflösungen der Musik dabei nicht künstlich gesucht wurde, so ist es doch beglückend genug, daß er sich von selber ergab.
Aus den hier aufgezeichneten Bemerkungen wird niemand, falls er guten Willens ist, irgendwelche Anmaßung hervorspüren. Es dürfte immer das recht, ja, die Pflicht des Schaffenden bleiben, dort, wo er klar sieht, mit einer persönlichen Äußerung über das Handwerkliche seiner Arbeit nicht zurückzuhalten, dem allgemeineren Verständnis zuliebe.

aus dem Nachwort
Hans Leip



16 Seiten, Broschur, Format 12,8 x 20,8 cm, Juli 1944 - 1. Auflage, Verlag Heinrich Ellermann, Hamburg



Inhaltsverzeichnis:

- Besinnung (22.9.1943)
- Wappnung
- Bereitschaft
- Abendhimmel
- Mondnacht
- Apfelblüte
- Paradies
- Gewißheit
- Auferstehung
- Jahresring
- Heimat

- Anmerkung über die Form der Kadenz *)

*) Die Anmerkung der Form der Kadenz ist dem Buche »Der Widerschein« entnommen (Cotta Verlag, Stuttgart, 1944)


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