Beim Morgenrot zu singen
Die weißen Möven auf der See, sie trinken schon den roten
Das Gedicht stammt aus : Hans Leip - Die Hafenorgel, 1948 — Der kleinen Hafenorgel 3. vermehrte Auflage, Christian Wegner Verlag, Hamburg
eine ältere fünfstrophige Fassung ist nachzulesen in : Hans Leip - Die getreue Windsbraut, 1929 — 1. Auflage, Carl Schünemann Verlag, Bremen
Beim Morgenrot zu singen
Die weißen Möven auf der See,
sie trinken schon den roten Wein.
Des laßt uns gute Zecher sein,
im Morgenwein kein Sorgenschein,
kein böser Traum tut uns mehr weh.
Die Häuser staunen mäulerweit
und dunsten laut nach Menschenschlaf.
Vom Dache tropft die rote Zeit,
die Straßen zagen fluchtbereit,
die Siele schlucken treu und brav.
Schon rührt sich steil der Mohlenkopf,
es dröhnt der Schiffe Weltenschrei,
der schlägt das blanke Meer entzwei,
der wühlt der Städte Pracht herbei
und quirlt sie in den Sonnentopf.
Was soll das pompe Hirngewühl
und auch der Allbeglücker Prunk?
Ob Bacchanal, ob Beichtgestühl,
der Kelch ist unser Ich-Gefühl,
drein schütten wir den Freudentrunk.
Seht nun die Fenster, flügelgroß,
darauf die liebe Sonne spielt.
Springt auf aus der Gespenster Schoß,
auf, nestelt eure Hymnen los
und was die Nacht in Gurten hielt!
Die weißen Möven auf der See,
sie segeln schon im Rosenrot.
So laßt uns gute Segler sein
bei Weltenwind und Sonnenwein
und Sonnenzecher bis zum Tod!
Worte : vor 1929 Hans Leip (1893-1983)
Die in den Bünden bekannte Vertonung »Die weißen Möven auf der See« stammt von Alf Zschiesche
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Jürgen Sesselmann (mayer)
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